„Verspielte Zeit“
Liebe Mitglieder und Interessierte am Thema und dem Verein,
wann haben Sie das letzte Mal gespielt? Haben Sie dabei die Zeit vergessen?
Zu unseren Zeitgesprächen mit dem Thema „Verspielte Zeit“ vom 24. bis 27. September 2026 in Wagrain/Salzburg laden wir Sie herzlich ein, sich einem Phänomen zu widmen, das selbstverständlich zum Menschsein dazugehört: das Spielen. Ob jung, ob alt, ob allein oder mit anderen, ob kooperativ oder kompetitiv: Menschen spielen von Beginn bis zum Ende ihres Lebens in unterschiedlichen Kontexten. „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, schrieb Friedrich Schiller bereits 1795 und verwies damit auf die zentrale Bedeutung des Spielens für die menschliche Existenz. Aber kann man sogar so weit gehen, das ganze Leben als Spiel zu betrachten? Und was wäre die Folge dieser Ansicht? Dass wir alle irgendwann verlieren, weil wir unweigerlich sterben werden? Diese Fragen stellen sich auch Karen Köhler in ihrem 2025 erschienenen Buch Spielen und Jens Junge in seiner wissenschaftlichen Karriere, u.a. als Leiter des Instituts für Ludologie (Spielwissenschaften). Spielen war und ist nie Nebensache für den Menschen. Doch was geschieht mit der Zeit, wenn wir spielen? Warum vergessen wir sie? Und vor allem: Wie viel spielen wir heute noch wirklich? Und gibt es so etwas wie einen verspielten Augenblick, wenn das Spielen überhandnimmt und wir den „Ernst des Lebens“ im Spiel vergessen? Insbesondere die eigentümliche Beziehung zwischen Spiel und Zeit wollen wir bei unseren diesjährigen Zeitgesprächen erkunden.
Über die Beziehung zwischen Spielen und Zeit
Wer spielt und über sich selbst und das Spielen reflektiert, dem fällt auf, dass jedes Spielen eine eigene Zeitlichkeit entfaltet. So kann (1) die Zeit rasen, weil man sich im Spielen verliert, (2) die Zeit stillstehen, wenn Mitspielende zu lange für ihre Spielzüge brauchen, oder (3) das Spiel nicht schnell genug enden, wenn die Niederlage gewiss scheint. Wenn Spielen „Zeitvergessenheit“ und „Langeweile“ beinhaltet, lässt sich die These vertreten, dass Spielen Ausdruck einer Art Zeitwohlstand oder Zeitverzögerung ist. Denn im Spiel entzieht sich der Mensch der kapitalistischen Maxime, möglichst effizient ein Ziel zu verfolgen.
Aber was passiert mit der Zeit, wenn wir beim Spielen verlieren? Haben wir dann Zeit verloren? Und was haben die Gewinnenden gewonnen? Oder verlieren alle Spielenden Zeit – und zeigt sich gerade darin die Freiheit des Spiels, dass man den Luxus hatte, Zeit zu verspielen? Als Verein zur Verzögerung der Zeit sind wir also umso mehr gefordert, die Frage nach der Beziehung zwischen Spiel und Zeit näher zu betrachten und zu untersuchen, ob es Arten des Spielens gibt, die aus Sicht der Zeitverzögerung besonders schützenswert erscheinen. Denn auch am Kapitalismus ist die Zeitvergessenheit und die Lust des Menschen am Spielen nicht vorbei gegangen.
So ist Gamification längst ist ein Trend, wie uns bspw. der gleichnamige Film von Friedrich Rackwitz zeigte, den wir 2022 in den Zeitgesprächen mit ihm gemeinsam angesehen und diskutiert haben. Als Gamification bezeichnet man die Anwendung von Spielelementen in einem spielfremden Umfeld – wie bspw. dem Kapitalismus. Die Logik, mit der Gamification arbeitet, ist simpel: Steigerung der Motivation zu unliebsamen oder eintönigen Aufgaben (bspw. Hausputz oder sportliche Routinen) durch das Einbeziehen spielerischer Elemente wie Punkte, Auszeichnungen oder Ranglisten. In einem solchen Kontext stellt sich die Frage: Wollen wir da eigentlich in erster Instanz überhaupt mitspielen? Und spielt das Spiel uns oder wir das Spiel?
Wenn man nicht bei allen Spielen gleichermaßen mitspielen möchte, stellt sich darüber hinaus die Frage, was die Alternative ist. Also die Frage, was das Gegenteil von Spielen ist? Arbeit, Schaffen, Ernst, Pflicht? Oder sind diese Gegensätze trügerisch, weil auch das Spiel seinen eigenen Ernst
entwickeln kann – man denke nur an die Verbissenheit, mit der Kinder ihre Spielregeln verteidigen, an die Intensität, mit der Erwachsene sich in Wettkämpfen messen oder eben an Gamification, mit deren Hilfe wir mehr „schaffen“ sollen. Vielleicht liegt das Gegenteil des Spielens weniger im Ernst, in der Pflicht oder in der Arbeit als vielmehr in jener verzweckten Zeit, in der alles ein Mittel zu etwas anderem sein muss. Dann haben Trends wie Gamification nichts mehr mit Spielen zu tun, weil sich dann eine Logik einschleicht, die auch das Spiel funktionalisiert. Und in unserer heutigen Zeit geht das schnell: Seien es Spiele zur Entspannung, zum Teambuilding oder zur Entwicklung von Kompetenzen. Und doch geben sie vor, Spiele zu sein. Gibt es also „falsche Spiele“? Und was unterscheidet dann die „Richtigen“ von den „Falschen“?
Möglicherweise lohnt an dieser Stelle ein Blick auf die dem Spielen inhärenten Regeln. Diese sind entweder vorgegeben (wie bspw. bei Brett- und Gesellschaftsspielen, aber auch in der Gamification) oder entwickeln sich aus der Interaktion der Beteiligten (so handeln Kinder ihre Spielregeln häufig während des Spielens erst aus). Regeln strukturieren dabei nicht nur die Spielzüge, sondern auch die Eigenzeit des Spielens, geben ihr Form und Rhythmus – aber tun sie das, um die Zeit zu regeln, oder um sie gerade freizusetzen von den Zwängen der Produktivität? Was geschieht, wenn Spiele immer komplexer und regelgeleiteter werden, wie es in unserer Zeit zu beobachten ist? Schützt uns das vor Willkür oder raubt es uns die Freiheit des absichtslosen Spielens? Und was steht auf dem Spiel, wenn Regeln kollabieren: nicht nur die Ordnung des Spiels, sondern das Vertrauen der Spielgemeinschaft, das sich ebenso wenig befehlen wie erzwingen lässt. Und dort, wo das Spiel zur Sucht wird, kehrt sich die Zeit- und Regelrelation vollständig um: Nicht mehr der Mensch regelt das Spiel, sondern das Spiel den Menschen. Was als Befreiung von der verzweckten Zeit begann, endet als deren grausamste Verdichtung.
Um es zusammenzufassen: Spielen gehört selbstverständlich zum Menschsein – und doch ist kaum etwas so leicht zu „verlieren“ wie die Zeit, in der wir wirklich spielen. Die Fragen, die sich aus dem Verhältnis von Spiel, Zeit und Regel ergeben, berühren etwas Grundsätzliches: wie wir unsere Zeit verbringen, wer darüber bestimmt und was auf dem Spiel steht, wenn uns das Spielen entgleitet. Diesen Fragen wollen wir gemeinsam mit Ihnen bei den Zeitgesprächen 2026 spielerisch nachgehen – vielleicht um sie zu beantworten, aber vielleicht auch nur um sie spielend ernst zu nehmen. Damit dies möglichst zeitvergessen gelingt, bitten wir Sie darüber hinaus, Ihr Lieblingsspiel mitzubringen! Vielleicht schaffen wir es ja, das Thema durchzuspielen?
Ihr Vorstandsteam,
Doris, Kristina, Josefine und Tim
Hotelreservierung wird in Kürze freigeschaltet
Um Studierenden die Teilnahme zu ermöglichen, fördern wir als Verein jedes Jahr bis zu vier Personen mit einem Stipendium – hier gibt es nähere Informationen, Fragen direkt an: .